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1 Jahr davor!
Ich war schon ein wenig selbst von meiner Entscheidung überrascht, als ich mich im Dezember 2003 zum New York Marathon angemeldet hatte. Noch wusste ich ja gar nicht auf was ich mich da eingelassen habe, aber das sollte ich früh genug merken. Mein erster Marathon also sollte im November 2004 in New York stattfinden. Ein knappes Jahr Vorbereitung, das sollte doch reichen, oder? Wie beginne ich mit dem Training? Vor allem jetzt im Winter? Muss ich meine Ernährung umstellen? Gibt es einen Zeitplan den ich einhalten sollte, damit ich in 12 Monaten diese 42,195 km schaffe?
So verbrachte ich also die ersten Monate damit Bücher zu lesen und mich mehr oder weniger auf meinem Crosstrainer vorzubereiten. Die Frage war, entsprechen 90 Minuten auf dem Crosstrainer auch 90 Minuten Joggen im Freien? Ich musste bald merken dass es nicht so war. Meine ersten Laufeinheiten im Freien gingen schlechter als erwartet, so dass das Gefühl in mir, dieses grosse Ziel nicht erreichen zu können, immer grösser wurde.

Hatte ich etwa schon zuviel Zeit vergeudet? Jetzt musste ein Plan her. Die Idee war, wenn ich nach 6 Monaten Training in der Lage bin einen Halbmarathon zu laufen, sollte es doch möglich sein in weiteren 6 Monaten die zweiten 21 km anzutrainieren. So kam es also, dass ich mich zur Vorbereitung im Mai 2004 zu einem Halbmarathon angemeldet hatte. Etwas, was ich nur jedem Marathon-Neuling empfehlen kann. Wo sonst kann man Erfahrungen mit den Verpflegungsstationen und dem ganzen Ablauf sammeln. Ich lief die 21 km übrigens in 2 Stunden und 4 Minuten. Keine berauschende Zeit, aber immerhin alles locker am Stück durchgelaufen.
Die nächsten Monate trainierte ich 3 mal die Woche zwischen 10 und 15 km. Weil das vermutlich nicht ausreichen würde um einen Marathon zu bestehen, steigerte ich langsam den Trainingsumfang. Bis zu diesem schönen, sonnigen Tag im September fühlte ich mich wunderbar. Ich war gerade ca. 10 km unterwegs, entlang einer schönen Flusslandschaft, als mir wie aus heiterem Himmel ein heftiger Stich ins rechte Knie zuckte. Ich wäre beinahe gestolpert, konnte mich aber gerade noch auffangen. Was war das? Ich konnte keinen Schritt mehr joggen. Die Schmerzen waren nur bei langsamem Gehen auszuhalten.
Läuferknie hiess die Diagnose, vermutlich verursacht durch die hohe, einseitige Belastung. Es folgten zahlreiche Stunden in physiotherapeutischer Behandlung. Ich konnte schmerzfrei gerade mal 10 km laufen – und das jetzt wo die langen Trainingseinheiten mit bis zu 30 km anstanden. Ich hatte einen 10 wöchigen, detaillierten Trainingsplan zurecht gelegt, der mir den letzten Schliff geben sollte. Aber an die Durchführung war gar nicht zu denken. Stattdessen lief ich weiterhin meine schmerzfreien 10 km. Dafür diese halt 5-6 mal die Woche, damit ich wenigstens so auf einige Trainingskilometer kommen konnte.
7. November 2004
Der Tag der Wahrheit war gekommen, schneller als erwartet. Ich hatte schon sehr grosse Zweifel, war ich doch nie mehr als die Halbmarathonstrecke gelaufen. Und vor allem, hält mein Knie? 2 Wochen vor dem Marathon habe ich bewusst kaum mehr trainiert um das Knie zu schonen. Sicherheitshalber habe ich genügend Dollar eingesteckt, damit ich ein Taxi zurück zum Hotel nehmen könnte, falls ich unterwegs aufgeben muss.

Jetzt sass ich also hier in diesem Greyhound Bus auf dem Weg zur Startaufstellung. Es gab kein Zurück mehr. In Gedanken gingen mir all die Menschen durch den Kopf, die mich auf dem Weg bis hier hin unterstützt haben und Zuhause jetzt die Daumen drücken. Ich bin überzeugt davon, dass ich keinen einzigen vergessen habe. Jeder Einzelne ist mir nach und nach in den Sinn gekommen – was den Druck es unbedingt schaffen zu wollen nicht gerade von mir genommen hat. Nach Ankunft im Startgelände waren noch 2 Stunden Warten bis zum Startschuss angesagt. Um mich herum sahen alle so optimistisch und erfahren aus. Bin ich denn hier der Einzige Marathon-Neuling?
Kurz vor dem Start schwirrten mehrere Hubschrauber mit Kameras und Fotografen über dem Gelände. Ein eindeutiges Zeichen dass es nicht mehr lange gehen kann. Die Nervosität stieg.....dann.....der Startschuss! 36000 Läufer begannen laut zu jubeln, über die Lautsprecheranlage ertönte das Lied „New York, New York“ von Frank Sinatra, ich bekam Gänsehaut, das sollte nicht zum letzten mal an diesem Tag sein.
Der erste Abschnitt von Staten Island über die Verrazano Bridge nach Brooklyn bietet mit das imposanteste Bild (Streckenplan). Die Stimmung bei allen Startern ist grossartig. Die Meisten stürmen an mir vorbei, was mir doch sehr bedenklich vorkommt. Bin ich denn so langsam? Nach ein paar Kilometern relativiert sich das Ganze, jetzt bin ich derjenige auf der Überholspur. Viele haben sich scheinbar durch die Anfangseuphorie übernommen und müssen jetzt etwas zurück schalten. Mir ging es vom Start weg gut – und jetzt wo ich sogar einige Läufer überholen kann, fühl ich mich noch besser!

Die Unterstützung durch die Zuschauer ist vom ersten Kilometer an wahnsinnig. Ich laufe Minutenlang Hände abklatschend an den jubelnden Menschen vorbei. Das Gefühl ist überwältigend – zuviel für mich alleine. Wäre doch jemand dabei mit dem ich diesen Moment teilen könnte, aber ich habe mich alleine auf dieses Abenteuer eingelassen. Ich muss ein Stück weg von den Zuschauern und wechsle meine Position zur Mitte der Strasse hin um ein bischen Ruhe zu finden.
Das Wetter ist herrlich. Es hat 20 Grad und die Sonne scheint. Optimale Bedingungen eigentlich. Es ist nur nicht ganz einfach für den Körper sich auf diese Temperaturen einzustellen, weil es die letzten Tag doch immer nur so um die 10 Grad hatte. Ich nehme mir also vor viel zu trinken, bei jeder Verpflegungsstation 1 bis 2 Becher. So sollten am Ende ungefähr 4 Liter zusammen kommen.
Nachdem die Stadtteile Brooklyn und Queens durchquert wurden, geht’s nun über die Queensboro Bridge nach Manhattan. Der Empfang hier am Ende der Brücke ist gewaltig. Dicht gedrängt stehen die Zuschauer in mehreren Reihen an der Strecke. Irgendwo hier müsste meine Frau stehen, die ich kurz zuvor noch auf dem Handy angerufen habe. Aber keine Chance sie zu finden.
Jetzt geht es die 5th Avenue in Manhattan entlang. Angetrieben von den jubelnden Zuschauern lege ich unbewusst etwas an Tempo zu. Die etwa 6 km lege ich wie berauscht zurück bis mir schlagartig bewusst wird dass ich mich übernommen habe. So, da ist er nun also, der berüchtigte Mann mit dem Hammer über den ich schon soviel gehört habe. Ich habe jetzt 34 km hinter mir, was schön ist, aber die Vorstellung mit diesen schweren und schmerzenden Beinen noch 8 km laufen zu müssen ist schrecklich. Ich laufe jetzt fast nur noch am Strassenrand direkt an den Zuschauern entlang um mir die Unterstützung und den Kick für die letzten Kilometer zu holen.

Bei km 30 war der Power-Gel Stand und ich habe mir zum Glück ein 2. Päckchen Gel mitgenommen das ich jetzt esse. Hoffentlich gibt mir das noch mal etwas Kraft für den Schlussteil. Vielleicht ist es nur Einbildung, aber ich habe wirklich das Gefühl dass ich irgendwo her noch mal Kraftreserven mobilisieren kann – vielleicht kommt es tatsächlich vom Power-Gel.
Die Strecke macht jetzt noch eine kurze Schleife durch die Bronx bevor es wieder nach Manhattan zurück geht. Ich höre wie ein Amerikaner, der scheinbar auch seinen ersten Marathon bestreitet am Handy jemandem berichtet dass er „don’t will finish that fuck“, was bei den umliegenden Läufern ein Gelächter auslöst. Eins weiss ich sicher, für mich kommt Aufgeben nicht in Frage.
Wieder in Manhattan zurück dauert es nicht lange bis der Central-Park auftaucht. Jetzt kann es nicht mehr weit sein, schliesslich ist das Ziel im Central-Park. Doch meine Einschätzung täuscht, ein Blick auf die Angaben am Strassenrand zeigt mir dass es noch 5 km sind – oh nein, dieser Park ist wirklich verdammt gross. Ich hätte den Streckenplan wohl genauer studieren sollen.
Ich weiss nicht genau wie ich die nächsten Kilometer überstanden habe, aber ich hab sie überstanden. Hier steht es ganz deutlich auf diesem Schild, es ist noch 1 km bis zum Ziel. Die Gefühle die mich jetzt überkommen sind überwältigend. Ich werde es tatsächlich schaffen, jetzt kann nichts mehr schief gehen. All das Gerede von erwachsenen Menschen, die im Ziel in Tränen ausbrechen habe ich immer mit einem Lächeln abgetan. Okay, ich geb zu, manches muss man selbst erleben um es zu glauben. Allerdings hat mich diese unbeschreibliche Gefühlsmischung aus Erschöpfung, Erleichterung und Stolz bereits einen Kilometer vor dem Ziel überwältigt. Im Ziel gabs dann nur noch eins, Arme hoch reissen und jubeln!

Erst einige Stunden nach dem Marathon kam mir etwas in den Sinn, was mich Wochenlang beschäftigt hat und während den 4 Stunden, 37 Minuten und 35 Sekunden als Gedanke nicht existent war: Mein Knie! Es hat gehalten!
Diashow von New York anschauen!
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